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Samstag, 17. Dezember 2011
Jacque-in memoriam


Jacque

Als ich Ibrahim in Tunesien kennenlernte, nahm er mich relativ schnell mit zu sich nach Hause in die Berge von Slaimia.

Er lebte dort zwar in einem eigenen Haus neben dem Haus seiner Eltern, doch als Haus konnte man die Behausung nicht bezeichnen, es waren vier Wände mit einem Lehmboden, ohne richtige Fenster und nur mit provisorischen Türen.

Im Laufe der Jahre unserer Beziehung habe ich dafür gesorgt, dass er menschenwürdig wohnen konnte, indem ich Fenster und Türen habe einsetzen und einen Steinfußboden legen lassen.

Da er und seine Familie und die anderen siebzehn Familien des Dorfes kein fließendes Wasser hatten, ihr Trinkwasser aus dem Brunnen per Hand hochzogen, investierte ich einige Hundert Euro, um für das Dorf eine Wasserleitung legen zu lassen.

Nun fehlte eigentlich nur noch die ordentliche Toilette. Es war für sechs Personen nur eine verdreckte französische Stehtoilette vorhanden, auf die ich nicht gehen konnte, es war einfach zu eklig für mich, da habe ich mich immer die Büsche geschlagen oder zugesehen, dass ich in der Stadt auf eine Hoteltoilette gehen konnte.

Also kratzte ich wieder die Euros zusammen und ließ eine eigene Sickergrube und ein kleines Badezimmer ans Haus anbauen, damit wir menschenwürdig zur Toilette gehen konnten und uns einigermaßen ordentlich duschen konnten. Duschen ist eigentlich übertrieben ausgedrückt. Es wurde Wasser in einem großen Topf heiß gemacht und im Badezimmer dann, gemischt mit kaltem Wasser, mit einem Becher über den Körper geschüttet.

Aber mein Engagement bezog sich nicht nur auf die Menschen, sondern ich hatte auch ganz großes Mitleid mit dem Hund der Familie.

Angeblich sei es Ibrahims Hund und er war ganz stolz, ihn mir im ersten Urlaub vorzustellen.

Es sei sein treuer Freund Jacque, das Tierchen freute sich wie wild, als es mich zum ersten Mal sah und ich ihn streichelte.

Ibrahim regte sich sofort auf, als ich den Hund anfasste.

„Igitt, meine Güte, einen Hund fasst man doch nicht an!“

Ich war sprachlos. Als ich mir Jacque, den mit einem Eisenhalsband sehr kurz angebundenen Hund einmal näher anschauen wollte, packte mich das Entsetzen.

Das Halsband war in seine Haut eingewachsen, die Leine war höchstens einen Meter lang, das Tier konnte sich nicht richtig bewegen und saß voller Zecken und Ungeziefer.

Ich weinte vor Mitleid und Wut über so eine Tierquälerei.

Ibrahim konnte es nicht nachvollziehen, dass ich erst einmal den Hund von seinen Plagegeistern befreien wollte und es auch vehement gegen den Willen von ihm tat. Ich entfernte etwa 350 Zecken von dem Tier, ich heulte dabei wie ein Schlosshund vor Mitleid. Das Tierchen spürte meine Anteilnahme und war seitdem richtig anhänglich und dankbar.

Ich kaufte auf dem Markt ein Halsband aus Leder und eine längere Leine.

In Zukunft sorgte ich für die regelmäßige Verabreichung von „frontline“, das ich sogar dort in der Apotheke bekam. Weiter sorgte ich für eine ausreichende Ernährung mit Fleisch, denn bis jetzt musste das arme Tier nur eingeweichte Brotreste verzehren. Dementsprechend sah es auch aus: nur Haut und Knochen.

Der Hund hatte wunderschöne leuchtende bernsteinfarbene Augen, die immer schöner im Laufe der Jahre wurden. Ich habe nie wieder so wunderschöne Augen bei einem Hund gesehen.

Ich drückte auch durch, dass er ab und an mal von der Leine durfte, zumindest, immer dann, um uns an den Eukalyptusbäumen, die in etwa 2 Kilometer Entfernung im Tal standen, abzuholen.

Ich versuchte ihn so weit wie möglich zu schützen. Den Nachbarkindern, die ihn oft mit Steinen bewarfen, machte ich klar, dass Jacque mein Freund sei und wenn sie ihm etwas täten, dann bekämen sie es mit mir zu tun.

Da ich die Kinder auch oft mit Kleidung und Süßigkeiten beschenkte, war nach einigen Wochen Ruhe und man respektierte meine Liebe zu dem Tier und verschonte ihn mit Quälereien.

Nur Ibrahim reagierte sehr eifersüchtig darauf, dass ich dem Hund so viel Aufmerksamkeit schenkte.

Aber ich versuchte das zu ignorieren.

Eines Tages kam ich nach einem längeren Aufenthalt in Deutschland wieder nach Tunesien zurück und vermisste Jacque.

„Ach, dem geht’s schlecht, der läuft irgendwo rum, aber der ist verletzt“.

„Wie, verletzt? Wie kann das kommen?“fragte ich.

Ibrahim gab eine ausweichende Antwort. Nun er sei ja nach Tunis gefahren, um mich vom Flugplatz abzuholen, das müsse wohl in der Zeit passiert sein.

Man merkt den Unterton? Jetzt bin ich es wieder Schuld, dass der Hund so heruntergekommen ist, nur wegen 2 Tagen Abwesenheit?

Das was ich dann zu sehen bekam, konnte nicht in zwei Tagen passiert sein.

Jacque war nur noch ein Schatten seiner selbst, er kam auf drei Beinen angehumpelt, der Vorderlauf war gebrochen und hing daneben, am Kopf, im Nacken und auf dem Rücken hatte er schrecklich klaffende Bisswunden, im Ganzen war er skelettartig abgemagert.

Seine schönen Augen waren gebrochen und er kroch nur noch zu mir.

Ich war zu spät gekommen und in meiner Abwesenheit hatte ich ihn nicht beschützen können.

Mir brach das Herz und ich war selten so traurig wie in diesem Augenblick.

Ibrahims Mutter sagte:“Labes, labes!“, was so viel heißen sollte, es wird schon wieder.

Ich konnte nur den Kopf schütteln und unter Tränen widersprechen.

Das wurde nichts mehr, das konnte jeder sehen. Das Tier war am Ende.

Ich entschied sofort, dass Jacque schnellstens eingeschläfert werden müsse, um seinem Elend ein Ende zu setzen.

Ibrahim brauchte noch zwei Tage, um endlich den Tierarzt zu holen, der Jacque dann erlöste.

Er ließ das arme Tierchen sogar noch bis ins Tal humpeln, denn der Tierarzt wollte nicht bis zu den Häusern den Berg hoch klettern.

Ich drängte ihn dann auch, seinen Hund in der Nähe der Eukalyptusbäume zu beerdigen.

Bei dem Einschläfern und bei der Beerdigung wollte ich nicht dabei sein, ich konnte das nicht mit ansehen und blieb an dem Tag lange in der Stadt und am Strand.

Anschließend habe ich Ibrahim die Leviten gelesen. Er dürfe sich auf keinen Fall wieder einen Hund zulegen, denn er könne sich ja nicht einmal selber versorgen, geschweige denn noch die Kosten für ein Tier aufbringen. Er versprach es und soweit ich es weiß, hat er sich bis heute daran gehalten.

Jacque, du treuer Freund, ich hoffe, da wo du jetzt bist, geht es dir gut. Du hast genug gelitten!

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